Kulturlandschaft

Die Walser Besiedlung

Die Walser Besiedlung Richtung Alpensüdseite, die ab Ende 12. Jh. einsetzte, war keine spontane Wanderbewegung eines Volkes, das eigenmächtig neues Nutzland und neue Handelsgebiete suchte. Es geschah vielmehr durch den Machtwillen der Feudalherren jener Zeit, der die stufenweise Migration der Walser bewirkte. Diese Adeligen besaßen auf beiden Seiten der Wasserscheide in den Alpen viele Länder, die bis dahin nur wenig genutzt worden waren, die sie jedoch besser bewirtschaften wollten. Dadurch wollten sie einen maximalen Ertrag aus den natürlichen Ressourcen ziehen, ihren politisch-ökonomischen Einfluss ausweiten und mit anderen Feudalherren konkurrieren. Deshalb förderten sie die Siedler aus dem Schweizer Oberwallis, indem sie jedem von ihnen so viel Land zuteilten, wie es für sein Überleben nötig war.

Dieser Besiedlungsprozess führte zu einem neuen Siedlungsmodell, wo all jene Strukturen vorhanden waren, welche den Wohnorten gewöhnlich eigen sind: eine angemessene Zugänglichkeit, Wohnhäuser, Werkstätten (Mühlen und Schmieden), Kapellen, Felder, Terrassierungen, Mähwiesen, Weiden und Almen.

In einigen Gemeinschaften sind heute noch die Spuren der Siedlungstätigkeit klar sichtbar. Wenn wir sie erkennen und kennen, können wir diese einzigartigen Territorien gestalten, schützen und aufwerten.

Die Struktur der Siedlungen

In den meisten von den Walsern besiedelten Gebieten findet man keine großen Dörfer, sondern Streusiedlungen. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Nutzgebiete, in denen früher die Getreide- und Weidewirtschaft betrieben wurde, liegt im Modell des Hofes oder Bauernhofes, der sich zusammensetzte aus Wohnhaus, Mähwiesen, Feldern, Weiden und Wald. Dies führte zu einer extremen Parzellierung des Territoriums.
Was die Verbindungswege betrifft, so bestimmte die Orographie fast zwangsmäßig deren Verlauf, der sich folglich im Laufe der Jahrhunderte kaum veränderte.

Auf den weiten Berghängen verlaufen die vorwiegend aus Saumpfaden bestehenden Wege parallel zueinander und folgen die Höhenkurven entlang der am meisten entwickelten Achse des Territoriums. Außerdem sind sie durch auf- und absteigende Wege miteinander verbunden, durch welche die Höhenunterschiede überwunden werden können. Die Höfe befinden sich innerhalb dieses Wegenetzes.

Kenntnis und Schutz des Territoriums

Ein Sprichwort auf töitschu, dem Walser Dialekt von Issime, einer italienischen Gemeinde im östlichen Aostatal, besagt: Pheen an öpfil vür an dust, das heißt «einen Apfel für einen eventuellen Durst aufbewahren». Dieser alte Spruch, der in früheren Zeiten und bis vor einigen Generationen gebraucht wurde, bezieht sich auf die Bedeutung, die das Walser Volk der Pflege des Bodens und der Umwelt beimaß. Denn diese zu bewahren bedeutete, sich die Zukunft zu sichern, falls andere wirtschaftliche Tätigkeiten nicht mehr möglich sein würden.

In einem hochalpinen Umfeld, wo die verfügbaren natürlichen Ressourcen beschränkt waren, förderte in vergangenen Zeiten das heikle Gleichgewicht zwischen Nutzung derselben und der Zahl der Bewohner sehr bald die Nutzung anderer wirtschaftlicher Möglichkeiten als der Land- und Weidewirtschaft.

Den Boden zu bewahren bedeutete jedoch, das Überleben der Familie zu sichern, und der Boden war folglich ein fester Bestandteil von Haus und Wirtschaft. Die Walser waren sich sehr wohl bewusst, dass das Leben vom Schutz der Umwelt abhängt, und gerade ihnen haben wir es zu verdanken, wenn wir heute noch über so viele gut erhaltene natürliche Landschaften verfügen. Inzwischen ist die Sorge um die Bewahrung und Aufwertung der Territorien ein vorrangiges Anliegen geworden.

Wenn wir die Kenntnis fördern und anregen, können wir die Wirklichkeit mit anderen Augen betrachten, denn: «Die Landschaften haben in uns selbst Landschaft. […] Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind » (Fernando Pessoa).